Multiple Sklerose

 

Fallbeispiel:

Anne (35) ist Grundschullehrerin und liebt es in ihrer 4. Klasse zu unterrichten. In ihrer Freizeit treibt sie viel Sport oder geht am Wochenende stundenlang mit ihrem Hund spazieren. Eigentlich fühlt sie sich glücklich und kerngesund. Aber seit ein paar Tagen sieht sie alles wie durch einen Schleier. Ihr linkes Auge schmerzt bei jeder Augenbewegung. Außerdem fühlt sie sich kraftlos in den Beinen und manchmal wird ihr schwindelig. Als sie auch noch ein Kribbeln im Oberarm und im Oberschenkel empfindet, meldet sie sich beunruhigt und bei ihrem Hausarzt an.

 

Definition:

  • ist eine chronisch verlaufende entzündliche Erkrankung der Nervenfasern im zentralen Nervensystem,
  • ist eine Autoimmunerkrankung (= körpereigene Zellen werden angegriffen),
  • verläuft individuell unterschiedlich und oft in Schüben.

Häufigkeit:

  • nimmt in beiden Erdhemisphären zu den Erdpolen hin zu,
  • Japaner sind seltener erkrankt im Vergleich zu europäisch-kaukasischer Abstammung,
  • in Deutschland  sind fünf von hunderttausend Menschen betroffen, Frauen doppelt so häufig wie Männer,
  • Ausbruch zwischen dem zwanzigsten und vierzigsten Lebensjahr.

Ursachen:

  • ist ungeklärt,
  • Myelinscheiden (= Markscheiden) bestimmter Nervenfasern im Rückenmark und Gehirn entzünden sich,
  • Hüllen der Nervenfasern, welche aus Fettzellen und Eiweißen bestehen, werden zerstört und machen eine Weiterleitung des Nervensignals unmöglich,
  • es kommt zu Störungen von Körperbewegungen (Motorik) und -empfindungen,
  • die Entzündung führt zu Bildung von Narben, die im Gehirngewebe wie Verhärtungen (Sklerose) aussehen,
  • Vermutung: erworbene Virusinfektion in der Pubertät verursacht einen Ausbruch der MS,
  • genetische Veranlagerungen können auch eine Rolle spielen.

Symptome:

  • sind sehr vielfältig,
  • Erkrankung differiert stark und verläuft besonders bei jungen Patienten in Schüben,
  • zwischen den Schüben: Beschwerden können völlig oder teilweise abklingen – bei Schüben kommen wiederkehrende frühere Symptome oder zur Verschlechterung der bisherigen Symptomatik für mindestens 48 Stunden,
  • V.a. bei älteren Patienten verläuft die Erkrankung chronisch fortschreitend,
  • Risiko eines akuten Krankheitsschubes steigt die Stresssituationen, bei Fieber, Entzündungen und Infektionen,
  • Symptom Psyche: Wesenänderung, Euphorie,
  • Symptom Auge: Retrobulbärneuritis, Schleiersehen, Doppelbilder, Gesichtsfeldausfälle, Nystagmus, Schmerzen,
  • Symptom Sprache: Dysarthrie, undeutliches Sprechen,
  • Symptom Koordination: Intentionstremor, Ataxie, unsicheres Hantieren,
  • Symptom Blasenfunktion: Inkontinenz, Retention,
  • Symptom Sensibilität: Missempfindungen, Kribbelparästhesien, Schnür- / Bandagegefühl,
  • Symptom Gang: Bewegungsstörungen, unsicheres Gehen, zunehmende Behinderung, spastische Paresen,
  • Symptom Muskellähmung: Schwäche in den Armen und Beinen.

Diagnose:

  • MRT Untersuchung: krankhaft veränderte Entzündungsherde können im Gehirn festgestellt werden,
  • elektrische Reizung bestimmter Nerven,
  • magnetische Reizung bestimmter Hirnregionen,
  • Untersuchungen ermöglichen eine Aussage über die Leitfähigkeit der Nerven des Zentralnervensystems,
  • Liqour Punktion: Untersuchung des Gehirnwassers, erhöhte Zellzahl oder bestimmte Antikörper und Eiweiße erhöht – Hinweis auf eine entzündliche Erkrankung.

Differenzialdiagnostik:

  • andere infektiöse Erkrankungen des ZNS müssen in Erwägung gezogen werden,
  • Beispiel: Borreliose

Therapie:

  • Therapie bei akuten Schüben: Gabe von dorsierter Glukortikoide (z.B. Kortison), bei einem sehr schweren Schub kann eine Plasmapharese (Blutwäsche) erfolgen,
  • Therapie zur Schubprophylaxe: Basistherapie dient zur Verlangsamung des Krankheitsverlaufs, Immunsystem wird beeinflusst,  Häufigkeit und Schwere der Schübe können gelindert werden,
  • Therapie der Symptome: Medikamente (z.B. Antidepressiva, Schmerzmittel, muskelentspannende Medikamente), Physiotherapie und regelmäßige sportliche Betätigung sind wichtig zum Erhalt von Muskelkraft und Beweglichkeit,
  • bei zunehmender körperlicher Behinderung können die Patienten sehr stark unter der Erkrankung leiden – emotionale Unterstützung durch Familie, Freunde und Pfleger sind sehr wichtig.

Prognose:

  • Beschwerden können durch Medikamente gelindert werden, Erkrankung ist bis heute nicht heilbar.

Quelle: 

  • Lexikon der Krankheiten, Georg Thieme Verlag Stuttgart/New York, 2. Auflage 

Quelle Bilder: 

Autor des Textes:

  • E. Isenberg – Physio- und Atemtherapeut für Intensivmedizin (ICU) in Köln, stellv. Leitung der Physiotherapie

 

Info:

  • nächstes Thema – Kopfschmerzen 

Erstellung des Berichtes: 04.01.2023