Nucleus Pulposus Prolaps

 (Bandscheibenvorfall)

 

 






 Fallbeispiel

 Ein 49-jähriger, etwas übergewichtiger Patient, von Beruf Bauarbeiter, kommt in die Praxis und klagt über heftige Rückenschmerzen: „Vor drei Tagen habe ich meiner Tochter beim Umzug geholfen. Seitdem sind meine Rückenschmerzen schlimmer geworden. Mittlerweile kann ich mich nicht mehr ganz aufrichten und kaum mehr den Oberkörper drehen. Sogar beim Husten spüre ich einen stechenden Schmerz im Rücken.“ 

 

 



 

Definition

  •  Bandscheiben befinden sich als Puffer zwischen den Wirbelkörpern,
  •  gallerartiges Kerngewebe tritt bei einem Bandscheibenvorfall durch Risse in deren Faserring aus - durch diese Verlagerung des Gewebes kann es zu Druck auf das Rückenmark oder aus dem Rückenmark austretende Nerven kommen – dies muss aber nicht immer der Fall sein.
  •  die Lendenwirbelsäule bietet zu 90% die häufigsten Bandscheibenvorfälle auf, seltener im Bereich des Halses (9,8%),
  •  bei 1/3 der jungen Erwachsenen (um 30 Jahre) sind im CT Bandscheibenvorfälle zu erkennen – allerdings sind diese häufig nicht stark ausgeprägt und Patienten können beschwerdefrei sein.

 

 

Ursachen

  •  lang andauernde Fehl- oder Überbelastung der Wirbelsäule (chronische Belastungen wie fehlerhaftes langes Sitzen am Schreibtisch oder häufig schweres Heben),
  •  Faserring der Bandscheibe hält die ständigen „Fehlbelastungen“ nicht mehr aus und reißt ein – Gallertkern drängt hindurch und drückt sich nach „hinten-seitlich“ gegen die Spinalnervenwurzel,
  •  Menschen, welche besonders anfällig sind: Übergewicht, ständige sitzende Tätigkeiten, Schwangere, Menschen mit untrainierter Rückenmuskulatur,
  •  z.B. Golfspieler können, aufgrund plötzlicher Drehbewegung mit Torsionskräfte auf den Faserring, zu einem Bandscheibenvorfall führen.

 

 

Symptome

  •  blitzartige Kreuzschmerzen (bekannt als Lumbago oder „Hexenschuss“) bei einem Vorfall im Lendenbereich – Schmerzen treten vor allem z.B. nach schwerem Heben auf und verstärken sich oft beim Husten, Niesen und Pressen,
  •  ausstrahlende Schmerzen kommen meist in nur einem Bein (Ischialgie) vor, wenn die Rückenmarksnerven (Wurzelkompessionssyndrom) eingeklemmt sind,
  •  das Anhebung eines Beines kann schwerfallen, jedoch kann es auch zu motorischen Ausfällen kommen,
  •  wenn das Lendenrückenmark betroffen ist, kann eine Lähmung der Beine mit Schmerzen und Taubheitsgefühlen einhergehen,
  •  es kann jedoch, neben Auffälligkeiten der Beine (im Halsbereich auch Arme), auch zu Blasen- und Mastdarmfunktionsstörungen kommen.

 

 

Diagnostik

  •  Anamnese: Schmerzen nur im Rücken oder zusätzlich in den Beinen – Schmerzen in den Beinen erfordern weitere Diagnostik – bei Rückenschmerzen reicht eine konservative Therapie,
  •  neurologische Untersuchung: Sensibilität, Motorik und Muskelreflexe,
  •  bildgeben Verfahren: CT, MRT, Myelografie mit Kontrastmittel,
  •  manuelle Untersuchungen: McKenzie (wiederholte, endgradige Bewegungen der Wirbelsäule).

 

  Differenzdiagnose

  •  Verspannungen der Rückenmuskulatur führen zu Über- und Fehlbeanspruchung,
  •  entzündliche Erkrankungen der Wirbelgelenke oder deren Abnutzung können zur Wirbelsäulenveränderungen und Schmerzen führen,
  •  Entzündung des Rückenmarknervs (Spinalnerv) oder dessen Einklemmung  kann oft schmerzhaften Auswirkungen haben und fälschlich einem vermeintlichen Bandschscheibenvorfall zugeordnet werden.

 

 

 Therapie

  •  keine Standardtherapie vorhanden,
  •  es gibt ein, auf den Patienten abgestimmtes, individuelles Behandlungskonzept,
  •  Behandlungsziel: Linderung der Schmerzen und der Nervenreizung,
  •  80% aller Bandscheibenvorfälle müssen nicht operiert werden,
  •  bei keiner Operation, gleicher therapeutischer Erfolg (Arzt, PT) innerhalb von 2 Jahren. Bei einer OP erzielt man nur einen kurzfristigen Erfolg,
  •  OP nur, wenn z.B. schwerere Nervenausfälle vorkommen oder die Schmerzen nicht nachlassen bzw. schlimmer werden,

 konservative Therapiebeispiele:

  •  Arzt: Verschreibung von schmerzlindernde, entzündungshemmende und muskelentspannenden Medikamenten,
  •  Physiotherapie: Therapie nach McKenzie, manuelle Therapie (MT), physikalische Therapie,
  •  nach akuter Phase: Rückenschule, um den Alltag rückenfreundlicher zu gestalten,
  •  ganz Wichtig: interdisziplinäres Team notwendig – Absprache der Behandlung zwischen Arzt, Patienten, Physiotherapie.

 Injektionstherapiebeispiel:

  • schmerz- und entzündungshemmende Medikamente werden eingesetzt - auch körpereigene Proteine (Orthokin-Therapie) möglich,
  •  Orthokin Therapie: entzündungs- und schmerzhemmende Proteine aus dem eigenen Blut,
  •  Injektionstherapie nur möglich, wenn andere konservative Behandlungen nicht greifen und Operationen vermieden werden sollen.

 operative Therapiemöglichkeit:

  • minimal invasive, mikrochirurgische Operation,
  • Therapie nach Operation: erster Tag post-operativ erfolgt die Mobilisation durch die Physiotherapie – in den ersten 8 Wochen nach der Operation steht die Stabilisierung der Lendenwirbelsäule an erster Stelle (Muskeltüchtigung von Rücken- und Bauchmuskulatur)

 Die Wahrscheinlichkeit einen erneuten Bandscheibenvorfall in dem Bereich zu erhalten liegt zwischen 2-3%

 

 

 Prognose

  •  selbst schwere Bandscheibenvorfälle haben eine Neigung zur Spontanheilung,
  •  75% verbessern sich innerhalb von drei Monaten,
  •  bei 80% der Patienten führt bereits die nichtoperative Therapie zu vollkommender Schmerzfreiheit,
  •  Betätigung zur Stärkung der Muskulatur sollten auch nach Abschluss der Behandlung fortgeführt werden.

 

 

 Quelle:

  •  Lexikon der Krankheiten, Georg Thieme Verlag Stuttgart/New York, 2. Auflage

 

  Quelle Bilder:

 

 Autor des Textes:

  • E. Isenberg – Physio- und Atemtherapeut für Intensivmedizin (ICU) in Köln

 

Info:

  • nächstes Thema – Kreuzbandriss

 

 

 

 

Erstellung des Berichtes: 09.04.2022